GASTLAND GROSSBRITANNIEN

Ausstellung in der Alten Kongresshalle von 04. – 07.06.2015, kuratiert von Michael Kompa

Wenn von Comic-Tradition die Rede ist, denkt man meist an die Zeitungsstrips und die Heftcomics aus USA oder an die „Teuropäische“ Tradition der Fliegenden Blätter oder eines Wilhelm Busch. Dabei übersieht man gerne, dass es seit dem 19. Jahrhundert auch eine große englische Comictradition gab und gib, angefangen mit dem Punch und Ally Sloper, die zu ihrer Zeit nicht einfach unter ferner liefen rangierten, sondern wahre Publikumsmagneten waren. Der Punch ist übrigens so etwas wie unser Kasperle, das auch gerne Tod, Teufel und Krokodile versohlt – nur etwas gewalttätiger. Und der Punch wurde in Deutschland als Punsch nachgeahmt. Seither pflegten britische Comics gern einen Hauch von Anarchie.

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Das wurde zuletzt auch in der viel beachteten, von Paul Gravett kuratierten Ausstellung der British Library deutlich, die unter dem Titel „Comics Unmasked – Art and Anarchy in the UK“ die Hintergründe und Historie der britischen Comics beleuchtete und erhellte.  Teile dieser Ausstellung werden wir 2015 auch in München zeigen können, wobei sie ergänzt wird um Material, das nicht ganz so anarchisch ist, aber dafür umso britischer.

Bonds

Es gab ja immer wieder einmal Versuche, britische Comics auch in Deutschland einzuführen, sei es in der Zeitschrift Kobra, sei es mit Sammelausgaben von James Bond, Modesty Blaise, Jeff Hawke oder anderen britischen Zeitungscomics. Wie sehr dabei auch anarchischer Humor seinen Weg auf den Kontinent fand, lässt sich an Andy Capp ersehen, der sowohl als Willy Wacker als auch als Andy Kappl eingedeutscht wurde.

Andy_Cappquiet

Der Rezeption britischer Comics auf dem Kontinent häufig abträglich war deren wöchentliche Erscheinungsweise in Fortsetzungen in Jugendzeitschriften, die thematisch „very British“ waren. Manche Serien, etwa Trigan/Storm von Don Lawrence fanden zwar dennoch großen Anklang, Judge Dredd (aus der Zeitschrift 2000 AD) konnte sich hier wegen seiner martialischen Inhalte hier nie so recht etablieren.

JD Bolland016

Von den britischen Taschencomics, einer Entsprechung zu unseren Piccoloheften, schafften es immerhin einige Westernserien wie Kit Carson zu deutschen Veröffentlichungen, die vielen Kriegshefte jedoch – aus verständlichen Gründen – nicht.

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Auf dem Umweg über Amerika fanden auch klassische englische Themen wie Shakespeare-Stücke, Sherlock Holmes, Dracula und Frankenstein den Weg nach Deutschland. Dafür kamen andererseits auch englische Comic-Autoren und -Zeichner auf dem Umweg über die USA zu uns.

Marvel UK Capt Britain011

Dabei leisteten die Marvel-Comics eine Art Vorreiterrolle, weil die britischen Ausgaben der Marvel-Comics ebenso eigenständiges Material produzieren durften wie in den1930er Jahren die Mitarbeiter der britischen Disney-Comics (die notabene auch das Vorbild für eine erste, in der Schweiz produzierte deutsche „Micky-Maus-Zeitung“ waren).

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Nachdem die in USA für England erfundenen Superhelden angefangen hatten, ein britisches Eigenleben zu entwickeln, kam es zu einem Rückfluss in die USA, den man schon fast eine Invasion nennen könnte. Autoren wie Alan Moore, Neil Gaiman, Grant Morrison, Garth Ennis und Mark Millar machten in USA Furore – nicht nur mit ausgefallenen eigenen Ideen, sondern auch mit ihrem Einfluss auf traditionell amerikanische Superhelden.

Quitely Sandman004

Zeichner wie John Byrne, Dave Gibbons, Brian Bolland, Simon Bisley, Dave McKean, Steve Dillon, Bryan Talbot  oder Frank Quitely hinterließen eine breite Spur in der amerikanischen Comiclandschaft.

Watchmen001

Höchste Zeit also, dass wir dem Gastland Großbritannien beim Comicfestival in München ein Podium verleihen, um das breite Spektrum britischer Comics – aber auch deren anarchische Seiten – zu präsentieren.

Wolfgang J. Fuchs

Das Comicfestival in München 25. – 28.05.2017